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"Handle so, dass die Folgen deines Tuns mit einem zukünftigen menschenwürdigen Dasein vereinbar sind, d.h. mit dem Anspruch der Menschheit auf unbeschränkte Zeit zu überleben."

Hans Jonas, Natur- und Technikphilosoph (1903 - 1993)



Alexander Solschenizyn sah in den letzten Jahren seines Schaffens keinen Zweifel darin, das der entfesselte Kampf von Eigeninteressen und Leidenschaften, das Wahnsinnsgesetz des Geldes, der Matrialismus als Mass aller Dinge und der freie Markt, sofern er von den Regeln entbunden und von der Gier regiert wird unsere Seelen einem fatalen Zersetzungsprozess aussetzen.

Der Grenzgänger / Homo Politicus - Ai Weiwei

Ein chinesisches Sprichwort besagt: "Hoffnung ist wie der Zucker im Tee: Auch wenn sie klein ist, versüßt sie alles."


Ai Weiwei (chinesisch 艾未未 Ài Wèiwèi, * 28. August 1957 in Peking)

Der Regimekritiker Ai Weiwei war im Frühjahr 2011 von Sicherheitskräften verschleppt und mehr als 80 Tage lang ohne Rechtsgrundlage festgehalten worden.

Jahre der Auseinandersetzung waren vorausgegangen, schwierige Jahre sollten folgen. Die Staatssicherheit hielt ihn fast drei Monate lang an einem unbekannten Ort fest und nahm ihm seinen Reisepass weg. Nach der Haft wurde Ai zunächst unter Hausarrest gestellt und danach rund um die Uhr beschattet. Oft stritt, manchmal prügelte er sich mit seinen Bewachern, vor allem wenn sie seiner Familie nachspürten. Vor einem Jahr übersiedelten Wang Fen und ihr Sohn nach Berlin, auch um Ai Lao aus der Schusslinie zu nehmen.

Westliche Politiker und Diplomaten, vor allem deutsche, setzten sich intensiv für die Rückgabe von Ais Reisepass ein, und im Verlauf der vergangenen Monate entspannte sich sein Verhältnis zur Regierung. Seine Interviews wurden milder, er wechselte von seinem ruppigen zu einem ironischen Ton, mitunter ließ er Nachsicht, sogar Mitleid mit seinen Bewachern erkennen.

Im Frühjahr gaben ihm die Behörden zu verstehen, dass er seine Arbeit demnächst auch in China wieder zeigen könne. Anfang Juni eröffnete er die erste von mehreren Ausstellungen in Peking, am 22. Juli 2015 bestellten ihn die Behörden ein und überreichten ihm den Pass. Sie versprachen ihm, dass er nach einer Ausreise auch wieder zurückkehren könne.

Ai Weiwei ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler in China. Bekannt für seine feinsinnigen und oft humorvollen Arbeiten sowie für seine ausgeprochen kritische Haltung gegenüber dem politischen System in China, erregte er immer wieder Aufsehen mit seinen Installationen und Projekten für unter anderem die documenta XII in Kassel und das Haus der Kunst in München, aber auch für seine architektonischen Arbeiten wie der Mitarbeit an dem Beijing Olympia Stadium. Weiwei macht keine Unterschiede zwischen Kunst und sozialem Engagement, im Gegenteil: Für ihn ist Kunst ein Spielfeld, das politischen Themen wie Zensur und sozialer Ungerechtigkeit dient – direkt, kritisch, aber niemals schwerfällig.



"Er habe versucht, die Grenzen der Legalität zu testen, und diese dabei überschritten. Nun müsse er die Konsequenzen dafür tragen." - offizielle Erklärung der chinesischen Regierung im April 2011.

Mehrere Stunden pro Tag verbrachte Ai Weiwei mit Einträgen auf seinen Blogs und auf Twitter. Voller Sendungsbewusstsein rief er zu Wahrheit und Freiheit in der chinesischen Gesellschaft auf, erlangte dadurch aber nur in einem kleinen Kreis Bekanntheit. Ai Weiwei zahlt nun den Preis für sein dissidentes Grenzgängertum. In der Vergangenheit kämpfte er jeden Tag auf seinen Blogs gegen alle möglichen Missstände.

Humor gegen Frustration

«Fortlaufend nimmt man uns unser Glück, unsere Häuser werden zerstört oder unsere Pässe werden eingezogen», so Ai Weiwei. Er denke, dass etwas Witz die Frustration des chinesischen Volks lindern helfe.Der Song des Koreaners Psy "Gangnam-Style" ist überall ein Ohrwurm - nur in China nicht. Dort hatte der regimekritische Künstler Ai Weiwei mit Freunden eine eigene Version des Videos gedreht und im Internet veröffentlicht. Wenige Stunden darauf war der spaßige Pferdetanz zensiert.


Unser Dasein ist in fast allen Aspekten monetär bestimmt. Wir konsumieren rund um die Uhr. Die Arbeit ist hier nicht mehr der wichtigste wirtschaftliche Faktor. Wir nehmen Dinge zu uns – verarbeiten sie aber nicht unbedingt. Es findet keinerlei Transformation mehr statt. Kunst dient keinen Zweck außer sich selbst.